Restaurierung

Restaurierung

Einleitung

Das aktuelle Gebäude von Schäfermeiers Mühle wurde im Jahre 1819 errichtet. Benannt ist sie nach ihrem letzten privaten Besitzer Anton Schäfermeyer.
Das historische Gebäude beinhaltet über vier Ebenen vier verschiedene Prozesse unter einem Dach. Das Wasserrad hat den Gleichstromgenerator oder das Horizontalsägegatter angetrieben, die Turbine, den Mahlgang für Brotmehl mit Reinigung oder die Mahlsteine für die Schrotherstellung. Sämtliche Maschinen sind noch vorhanden.
Aufgrund dieser einzigartigen technischen Merkmale besitzt die Mühle und die dazu gehörige wassertechnische Anlage eine herausragende wissenschaftliche Bedeutung und wurde im Juni 2009 in die Liste der Baudenkmale Nordrhein-Westfalens aufgenommen.
Seit 2008 ist die Mühle im Besitz des Fördervereins für historische Bauten und Bauwerke Salzkotten e.V.. Der Verein möchte sie nicht nur der Allgemeinheit zur Besichtigung zugänglich machen, sondern insbesondere Kulturhistorikern Forschungsmöglichkeiten zur Technik- und Arbeitswelt des frühen 20. Jahrhunderts eröffnen.
Zum Zeitpunkt der Übernahme war das Gebäude in einem teilweise gefährdeten Zustand, so dass umfassende Restaurierungsmaßnahmen notwendig waren und sind.

Denkmalwertbegründung

Das Westfälische Amt für Denkmalpflege vertritt die Auffassung, dass es sich bei der nachstehend näher beschriebenen Wassermühle um ein Baudenkmal im Sinn des § 2.1 DSchG NW handelt.

Königl. Preuss. Landes Aufnahme von 1894, Standort der Wassermühle

Bestandsbeschreibung:
Dreigeschossiges Mühlengebäude in Ziegelstein errichtet unter Krüppelwalmdach. Firstrichtung Ost-­West. Im Ostgiebel rechtsseitig Ladelukenreihung mit Ladekran. Unter der Traufe links begleitend eine Fensterachse. Südliche Trauffassade im östlichen Bereich in Ziegelstein errichtet, im EG im westlichen Bereich aus Kalkstein errichtet. Im Aufgehenden aus Ziegelstein.
Die Heder selber wird im Bereich der Eingangsachse gestaut, der Zugang zur Wassermühle erfolgt über zwei Zugänge über das Oberwasser. Rechts neben der Zugangstür gemauerter Sturz im Bereich Decke KG. Hier Wasserzugang zur Turbine; mit einer Schütttafel mit Winkelgetriebe abzusperren. Der Schütttafel vorgelagert ein senkrechter Stabrechen.
An der rückwärtigen, nördlichen Traufwand unter Pultdach errichteter Anbau, eingeschossig mit Ziegelsteinwandscheibe auf Betonfundament. In diesem Baukörper vorhanden ein Horizontalgatter mit Gatterbahn, Gatterwagen, dem Gatter selber und der entsprechenden Technik über Transmissionen angetrieben zum Vorschub des Gatterwagens und zum Antrieb des Kurbeltriebes für das Horizontalgatter. Nach Westen hin schließt eine Mauerscheibe den Bereich Gatter ab.
Das Vorgelege des Gatters wird über einen Flachriemen und eine Flachriemenscheibe auf dem Wellenabgang Vorgelege Wasserrad, s. dort, angetrieben.
Die Schienen des Gatterwagens sind in Beton verlegt.
Nach Westen hin Giebel des Hauptgebäudes in Ziegelstein, zweiachsig durch Fenster belichtet.
Vom Bereich Gatter aus zugängig im Hauptgebäude im EG Akkuraum mit einer Bank für 36 Akkuzellen. Die einzelnen Zellenstandorte bezeichnet durch runde, durchnummerierte Plaketten. Das Grundgerüst steht auf Böcken auf geklinkertem Boden. Die Akkuzellen selber bestehen aus sog. Glashäfen mit den Bleiplatten. Die Stromzuführung ist in wesentlichen Bereichen erhalten. Dort, wo die Leitungen fehlen, dokumentieren Porzellanisolatoren den ehem. Verlauf dieser Leitungen.

EG
Im EG, zugängig von der Erschließungstür über den Mühlengraben, liegt das Untertriebwerk für die Getreidemühle, s. dort, und der Gleichstromgenerator. Dieser wird über einen Flachriemen vom Vorgelege Wasserrad in einem eigenen Raum in dem südwestlichen Gebäudebereich aus angetrieben. Das Untertriebwerk ist bezeichnet durch ein Schild:
A.Wetzig Nr. 1594 Eisengießerei, 1932 Maschinenfabrik und Mühlenbau–Anstalt Wittenberg, Bezirk Halle
In dem Bereich EG Getriebekeller der Turbinenkopf mit dem glockenförmig ausgebildeten Antriebsrad. Der Wasserzulauf liegt, durch Bohlen abgedeckt, unter dem Fußbodenniveau EG.
Im gerade betrachteten Bereich noch Reste eines fischgrätartig verlegten Natursteinbodens, ähnlich einem Spicksteinboden.

1. OG
Im 1. OG im rechten Bereich der Steingang, vollständig erhalten mit Bütt, Rüttelschuh und Trichter sowie Steinkran. Des weiteren hier aufgestellt eine Sackwaage mit Gewichten sowie im linken hinteren Bereich ein einfacher Walzenstuhl und ein doppelter Walzenstuhl, beide bezeichnet A. Wetzig Wittenberg.
Der doppelte Walzenstuhl ist mit dem darüberliegenden Vorratsbehälter und einem Sichtglas ausgestattet. Antrieb der gesamten Einheit über Transmissionen.
Ergänzt wird der maschinenbautechnische Bereich durch zwei einfache und zwei doppelte Elevatoren. Im Bereich Steinboden auch die Turbinenregelung. Ein liegendes Handrad bezeichnet durch Aufschrift: Zu und Auf, Nur zur Regulierung. Zum Stillsetzen dient Einlass – Schützen.
Offensichtlich ist in dem Bereich zwischen Steingang und doppeltem Walzenstuhl ein einfacher Walzenstuhl bereits ausgebaut. Das Bodenfundament und der Vorratsbehälter sind noch ablesbar erhalten.
Wasserseitig in der Mauer die Handkurbel zum Antrieb des Einlassschützes für die Turbine.

2. OG
Im Bereich des zweiten OG unter der Decke hängende, durchgehende Transmission zum Antrieb eines Mehlmischers, einer Reinigung und eines Filterschrankes mit dem aufgesetzten Klopfwerk und dem Unterdruckgebläse mit Abgang durch die nördliche Trauffront.
Unter der Decke noch erhalten eine Schnecke zum Quertransport. Verschiedene Absackstutzen vervollständigen die Ausstattung.
Von diesem Raum aus auch Zugang durch die südliche Trauffront zu der überbauten Wehranlage ­nicht Bestandteil des Denkmalumfanges­ und damit Durchgang zum DG Wohnhaus.
Nach Westen hin Durchgang zu einem freien Bodenraum/Lagerfläche der Wassermühle.

DG
Im Bereich des DG zwei Doppelplansichter sowie zwei Reinigungen im Transportsystem der Elevatoren, die in diesem Bereich enden. Von hier aus Zugang auch in den westlichen Bereich, einem ungenutzten Bodenbereich.
Der Sackaufzug in dem östlichen Firstbereich wird angetrieben über einen Flachriemen mit Druckrollle. Die aufgelegte Kette ist auf der Kettentrommel noch erhalten.
Die einzelnen Etagen mit ihren Holzfußböden werden erschlossen durch jeweils einläufige Stiegen vom Eingang sowie zu den oberen Etagen durch östlich liegende Stiegen vor der dort linken Fensterachse.

Zur Stromerzeugung:
Im EG links steht der Gleichstromgenerator, angetrieben über einen Flachriemen von dem Vorgelege Wasserrad aus. Der Flachriemen wird geschützt durch zwei profiliert ausgeführte gusseiserne Stiele mit drei waagerechten Brettern. Die Elektrik/Verdrahtung ist noch erhalten. Durch einen schmalen Durchgang ist der Bereich Wasserrad – Vorgelege erreichbar. Die Wasserradachse selber ist aus Volleisen mit einem gusseisernen Stirnrad mit Holzverkämmung, verkeilt auf der Achse. Die Verkämmung greift ein in ein westlich vorgelagertes gusseisernes Ritzel, auf dessen Achse ein weiteres gusseisernes, holzverkämmtes Zahnrad in ein weiteres Ritzel eingreift, das auf der horizontalen Welle zum Wasserrad verläuft. Diese Welle kann durch eine Klauenkupplung im Kraftabgang zum Sägewerk unterbrochen werden.
Zum Antrieb des Generators dient eine große Treibscheibe auf der letzt genannten Welle mit dem Abgang auf ein weiteres Zwischenvorgelege mit einer Leerlauf- und einer Treibscheibe. Von dort aus über eine weitere Treibscheibe erfolgt der direkte Antrieb des Generators. Das gesamte Vorgelege ist zweistufig ausgerichtet. Eine weitere Drehzahlerhöhung in Richtung Generator erfolgt über die Treibscheiben. In diesem Raum erhalten die Schalttafel mit der Marmortafel, den Widerständen, Schaltern, Volt- und Amperemetern sowie Sicherungselementen.
Offensichtlich ist zur Erhöhung der Brandsicherheit der vor bezeichnete Bereich der offenen Verdrahtung im Deckenbereich analog einer preußischen Kappendecke ausgemauert worden.
In dem Gebäude darüber hinaus erhalten zahlreiches mühlentypisches Werkzeug sowie im Bereich des Generators die Schwefelsäureflasche zur Pflege der Akkuzellen.
Die Zugangstüren sind schlichte, holzverbretterte Türen. Alle Fenster ausgebildet als Eisensprossenfenster.

Zur wasserbautechnischen Seite:
Der Vorfluter wird im Bereich der Zugangstür gestaut. Staueinrichtung z. T. in Beton erneuert. Die Schütttafeln sind abgängig. Die Teilung des Oberwassers: Freiflut =>2 zu 1 Zugang Turbinenwasser und Oberwasser für das westlich liegende Wasserrad.
Diese Trennung 2 zu 1 wird markiert durch eine massiv ausgeführte Schwergewichtsmauer in Ziegelstein.
Darüber abgeständert der Dachüberbau als Verbindungselement zwischen dem Wohnhaus und der Mühle.
Offensichtlich ist die Mühle in mehreren Abschnitten errichtet bzw. erweitert worden. Für einen ersten Abschnitt spricht die in Kalkbruchstein errichtete Restmauerscheibe zwischen dem Turbinenabgang und dem Wasserrad.
In den Fassaden deutlich ablesbar die Aufstockung, wohl um 1926. Es unterscheiden sich die Ziegelsteine in Format und Farbe sowie der Vermauerungstechnik. Im rückwärten Bereich erstreckt sich der Anbau weiter. Für ein historisch kleineres Gebäude spricht auch die durchgehende Mauerscheibe im Inneren, die jeweils die Getreidemühle von den westlich liegenden Lagerflächen abtrennt. Hier im unteren Bereich das vorerwähnte Vorgelege des Wasserrades.
Die Dachflächen der Mühle sind eingedeckt mit Doppelmuldenfalzziegeln und schlicht gekanteten Falzziegeln.
Deutlich ablesbar auf der südlichen Trauffront mehrere Bauphasen:
Phase 1: In Kalkbruchstein errichtete Mauerscheibe mit einer in Ziegelstein aufgeführten Aufstockung.
Phase 2: Nach Westen hin deutlich Trennung durch eine Naht.
Phase 3: Überformung dieser Wandscheibe durch eine Erweiterung nach Osten.
Phase 4, wohl 1926: Aufstockung des Gesamtgebäudes mit dem Krüppelwalmdach, ablesbar im Materialwechsel Ziegelstein und Verfugungsmaterial. In diesem Zuge ist auch die Türsituation verändert worden. Hier liegt unter einem historischen Fenstersturz ein eingeschnürtes Fenster.
Phase 5: Entsprechend dem Bauantrag zur Aufstockung vom März 1926, s. Phase 4, ist der westliche Bereich noch nicht zur Aufstockung vorgesehen gewesen. Es ist anzunehmen, dass dieser Bereich entweder im Zuge der Phase 4 direkt oder aber zu einem späteren Zeitpunkt aufgestockt wurde, dann Phase 5.
Bei dem Wasserrad handelt es sich um ein Strauberrad mit dem schräg gestellten Zuführungsschütt an einer Zahnstangenführung.

Die Wassermühle liegt im sogenannten Nebenschluss zu dem Vorfluter Heder. Ursprünglich verlief die Heder, der Topographie folgend, südlich der Wassermühle. Im Rahmen der Mühlenanlage ist ein Ober- und ein Untergraben nördlich der Heder, einer Höhenordinate folgend, aufgebaut worden. Dadurch konnte ein ausnutzbares Gefälle erreicht werden.
Ob Auslöser für diese Maßnahme der Bau der Vernaburg um 1607 mit ihrem Gräftensystem war, oder bereits Vorgängerbauten der heutigen Wassermühle den Bau dieser Anlage vor 1600 auslösten, ist zur Zeit nicht bekannt.
Heute ist das Oberwasser sowohl für die Wasserhaltung des Gräftensystems Vernaburg als auch für die Wassermühle zwingend erforderlich.

Zum Denkmalumfang:
Das Baudenkmal besteht aus mehreren Teilen:
a)         dem Gebäude und Maschinenbestand im vorstehenden Umfang, sowie der
b)         wasserbautechnischen Anlage, bestehend aus dem Obergraben und dem Untergraben mit Stau im Bereich der Wassermühle.

Zum Denkmalwert:
Das Westfälische Amt vertritt die Auffassung, dass es sich bei der oben beschriebenen Wassermühle um ein Baudenkmal im Sinn des § 2.1 DSchG NW handelt, an deren Erhaltung und Nutzung ein öffentliches Interesse besteht.
Ein öffentliches Interesse besteht deshalb, weil diese Wassermühle u.a. bedeutend ist für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse.
An diesem Standort kann sowohl die Arbeit in der „modernen“ Müllerei, Zeitstellung um 1930, mit dem Vertikaltransport über Elevatoren als auch die klassische Arbeit in einem Sägewerk oder die Stromerzeugung belegt werden.
Für die Erhaltung und Nutzung liegen u.a. wissenschaftliche Gründe vor und zwar deshalb, weil diese Mühle von herausragender dokumentarischer Bedeutung -und einmalig im Gebiet OWL- ist für die westfälisch-lippische Mühlentopografie.
Sicherlich sind in unserem Verbandsgebiet noch zahlreiche Wassermühlen anzutreffen, bei denen die Funktion Getreidemühle noch betriebstechnisch funktionsfähig vorhanden ist. So z.B. bei der Schäferkämper Wassermühle in Bad Westernkotten, hier mit einer Ausstattung Steingänge, oder in Schlangen-Kohlstätt, hier mit einer dem betrachteten Objekt vergleichbaren Ausstattung mit einem Steingang und Walzenstühlen.
Interessant wird dieser Standort deshalb, weil über die Funktion Wasserrad auch ein Sägewerk mit seinem Horizontalgatter angetrieben wird. In unserem Verbandsgebiet kennen wir nur einige wenige denkmalwerte und betriebsbereite Sägemühlen, so in Meschede-­Remblinghausen, Warstein-Belecke oder in Hörstel-Bevergern. Weitere Standorte sind zwar erhalten, so in Tecklenburg, diese sind aber nicht funktionsfähig. Die Bedeutung eines betriebsbereiten Sägewerkes kann auch daran festgemacht werden, dass in dem bekannten Mühlenkreis Minden-Lübbecke aktuell auf einem historischen Standort eine Sägemühle neu errichtet wurde, um die allgemeine Wasserkraftnutzung zu demonstrieren. Bei diesem Standort in Petershagen-Döhren handelt es sich aber um eine klassische Doppelmühlenanlage. Hier wird links des Gewässers eine Getreidemühle mit einem Wasserrad betrieben und rechts des Gewässers liegt die Sägemühle. Hier wird also die Stauanlage beidseitig genutzt. In Salzkotten Verne liegt eine kombinierte Anlage vor.
Die besondere/herausragende Bedeutung dieses Standortes begründet sich aber in der vorhandenen und praktisch betriebsbereiten Anlage der Stromerzeugung in Kombination mit den vorstehend beschriebenen Betriebskomponenten. Vergleichbare Anlagenteile können im weiteren Umfeld nur noch in Dörentrup, in Westfalen darüber hinaus in Metelen, Espelkamp-­Fiestel oder in Dorsten nachgewiesen werden. Zum Teil handelt es sich dabei aber um technikgeschichtlich modernere Anlagen, so in Dorsten mit einem Turbinenantrieb oder nur noch um Restanlagen.
Entsprechend der Sinnbedeutung Wassermühle ist aus hiesiger Sicht auch das Wassersystem, im Nebenschluss zu der Heder, mit dem Obergraben, der Stauanlage und dem Unterwasser als zu dem Baudenkmal Wassermühle zugehörig zu betrachten.
Ob darüber hinaus der Wasserhaltung in Hinblick auf das Baudenkmal Vernaburg eine weitere denkmalpflegerische Bedeutung zukommt, ist an anderer Stelle zu klären.

Christian Hoebel
Münster, den 28. Juni 2006



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